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Angefasst

Es ging um Leben und Tod. Und jetzt sollte der Tod nicht mehr das Ende sein? Unglaublich! Nein, einfach unmöglich. Völlig gegen alle Vernunft. Was ich nicht mit eigenen Augen gesehen und mit meinen Ohren gehört habe – das gibt es nicht. Thomas hörte nicht auf das, was ihm aus zweiter Hand zugetragen wurde.

Er hatte noch den Klang der Hammerschläge im Ohr. Nein, er hatte sich nicht getraut, näher heranzugehen. An das Kreuz, auf den Hügel der Schande. Der Aufmarsch der Soldaten in der Nacht im Garten steckte ihm noch in den Knochen. Zerplatzt der Traum vom glorreichen Sieg in Jerusalem! Hier sollte doch das Finale stattfinden. Endlich sollten alle es sehen und begreifen: Jesus würde die Welt verändern! Aber er und die anderen Freunde haben Jesus schon immer missverstanden, falsch eingeschätzt. Thomas hielt sich für einen klugen Kopf, doch manchen Gesprächen konnte er einfach nicht folgen. Jesus hatte eine andere Logik. Einmal hatte er über den Tod gesprochen, von einem Weg. Im nächsten Moment war Thomas wieder gar nicht klar, wohin der Weg überhaupt führt. Jesus sprach in Rätseln, wie konnte er das begreifen?

Jetzt war Jesus tot. Unwiderruflich! Egal, was andere da behaupteten. Thomas hat ihn doch da hängen sehen, am Kreuz, wie einen Verbrecher. Er, der so nah mit Gott verbunden war, ja, sogar von sich in Anspruch nahm, Gottes Sohn zu sein – er hing da! Schwächer als Thomas selbst. Erniedrigt und geschlagen. Ausgeliefert und geschändet. Voll Verachtung wandte Thomas sich ab. Damit hatte er abgeschlossen. Zu tief saß die Enttäuschung, wie bittere Galle auf seiner Zunge schmeckte sie. Die nackten Tatsachen sprachen Bände. Hier war nichts mehr zu holen. Es war aus! Der qualvolle Tod am Kreuz war das Ende. Thomas war gefangen in seinen Gedankengebäuden, gefesselt von der Macht der Verzweiflung.

Ein Häufchen Elend waren er und seine Freunde. Zurückgezogen hatten sie sich hinter verschlossene Türen. Es fanden sich keine Erklärungen, es gab nichts mehr zu sagen. Auch Kopfzerbrechen half nicht weiter. Blanke Angst stand in ihren Gesichtern, sobald es an der Tür klopfte. Holten die Römer jetzt auch sie? Thomas hielt es nicht mehr aus und trat ins Freie. Er konnte es nicht länger ertragen, diese drückende Stimmung, die Perspektivlosigkeit, die ihnen die Sprache verschlagen hatte. Wie konnte er nur einen klaren Kopf behalten?

Und dann das. Als er wieder zu ihnen stieß, behaupteten die anderen, dass sie Jesus gesehen hätten. Jetzt sind sie ihren Hirngespinsten komplett erlegen, sie drehen durch. Das war ausgerechnet dann passiert, als Thomas nicht dabei war. Wieder einmal fühlte er sich ausgeschlossen. Er spürte diesen Stich in seinem Herzen. In ihm wurden die Stimmen laut: Dass ich nicht lache! Einen Toten wollen sie gesehen haben! Wie sollte der denn aussehen? War er schon verfault? Stank er schon zum Himmel? Lächerlich! Aber die anderen waren von etwas so berührt, dass sie auf seine Fragen keine Antworten hatten. In ihnen keimte etwas wie Hoffnung auf. Wieder fühlte er diesen Stich. Sie hatten etwas erlebt, was er vermisste. In ihm schmerzte eine Wunde aus Scham, Wut und Neid.

„Vielleicht war er es gar nicht! Ihr habt bestimmt nicht richtig hingesehen! Habt Ihr denn seine Wunden gesehen? Die Hände, durchbohrt von den Nägeln? Die Seite, in die die Lanze eingedrungen war? Erst, wenn ich das mit meinen eigenen Augen sehe und mit meinen Händen anfasse – dann werde ich Euch glauben!“

Trotzig wandte er sich ab. Er konnte es nicht ertragen, wie sie die Köpfe zusammensteckten und immer wieder von diesem unglaublichen Moment tuschelten. Fast hatten sie das befreite Lachen wie früher. Es funkte etwas Hoffnung auf, dass doch nicht alles verloren und umsonst war. Finster blickte Thomas auf die Leichtigkeit, mit der sie sich jetzt bewegten. In ihm krampfte sich etwas zusammen, er erstarrte, wenn er ihren Tonfall hörte, mit dem sie Pläne schmiedeten. Er schüttelte den Kopf – da war er wohl gerade der einzige, der einen klaren Kopf behielt! Begriff denn hier keiner, dass sie einem Irrtum erlegen, einem Schwindel zum Opfer gefallen waren? Die Tatsachen lagen doch auf der Hand: Jesus war gestorben! Punkt!  Immerhin blieb Thomas in ihrer Gemeinschaft, auch wenn es langsam unerträglich für ihn wurde, ihre Geschichten zu hören.

Wieder waren sie beisammen. Plötzlich – wie aus dem Nichts – steht Jesus in ihrer Mitte! Thomas wendet sich zur Tür, keine Bewegung. Er grübelt noch darüber nach, wie das sein kann. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Die Freunde scharen sich schnell freudig um Jesus!

„Friede sei mit Euch!“ Dieser Gruß löst ihre Spannung noch mehr, sie lachen und ihre Gesichter hellen sich auf. Nur Thomas steht am Rand.

Jetzt tritt Jesus auf Thomas zu. In diesem Moment öffnet sich ein Raum nur für sie beide, es steht nichts mehr zwischen ihnen, ein Raum wie eine bergende Hülle. Ein Raum zwischen Himmel und Erde. Thomas sieht Jesus an, von oben bis unten. Der Anblick ist vertraut und doch ist da etwas Verstörendes, etwas Irritierendes. Thomas kann es nicht fassen, seine Gedanken fahren Achterbahn. Was ist es nur?

Jesus steht vor Thomas, er streckt seine Hände aus.

„Hier, sieh und fühle meine Hände.“

Da steht er, er öffnet seine Hände. Sie sind durchbohrt. Die Nägel haben brutale Spuren hinterlassen. Jesus lädt Thomas ein, den Finger in die Wunde zu legen.

„Gib mir deine Hand und lege sie hier in meine Seite.“

Jesus hebt seinen Arm und gibt den Blick frei auf den tiefen Schnitt in seiner Seite. Sein Körper ist nicht unversehrt. Alle körperlichen Schmerzen, alle Schläge und Verletzungen im Leben spiegeln sich in diesen Wunden. Thomas Augen weiten sich. Seine Lippen beben. Er sieht sich in Jesus wie in einem Spiegel. All die körperlichen und seelischen Spuren, die das Leben in mir hinterlassen hat, werden in seinem Körper sichtbar, in den durchbohrten Händen, in der zerstochenen Seite. Jesus trägt meine Wunden, er erträgt meine Verletzungen, er nimmt mein zerschundenes Leben auf sich.

„Vertraue mir“, lädt Jesus ihn ein. „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“

Thomas fällt auf die Knie. Ein Schluchzen von ganz tief unten bahnt sich den Weg nach oben. Er wagt kaum den Kopf zu heben. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Er braucht keine Erklärungen mehr, keine Beweise, die ihm das Geschehen begreiflich machen. Hier und heute begegnet ihm der Auferstandene leibhaftig. Langsam streckt er seine Hand aus. Jesus schaut ihn an. Dann, als ihre Blicke sich endlich treffen, wird Thomas erkannt. In Jesu Augen liegt die gleiche Liebe, der Thomas schon begegnet ist. Diese Liebe überlebt sogar den Tod, sie ist ewig und jetzt präsent. Jesus sieht ihn, ohne ihn zu beschämen oder bloß zu stellen. Er wird gehalten mit all dem, was in ihm ist. Er ist aufgehoben in der Liebe Jesu, die ihn tröstet und ihn in seinem Sosein erkennt. Die quälenden Stimmen der Anklage, des Zweifels, der Hoffnungslosigkeit verstummen. Sein Finger nähert sich der Hand. Da ahnt Thomas eine neue Empfindung in sich. Vage bemerkt er eine neue Energie, er kann sie nicht begreifen, nicht halten, nicht fassen. Und doch ist sie real und wirksam. In diesem Moment schließt sich in seinem Innern eine Wunde. Ihn durchströmt die heilende Kraft des Lebendigen. In ihm wird es hell und heil, es wächst etwas Neues, zaghaft und doch sehr klar spürbar. Tränen fließen über seine Wangen.

Mit erstickter Stimme stammelt Thomas:

„Mein Herr und mein Gott!“


Christus ist größer
als deine Angst und Mutlosigkeit.
Mitten auf den Wogen der Anfechtung
kommt er dir entgegen
in seiner Liebe.
Seine Hand,
die er dir reicht,
ist gezeichnet
von seiner verwundeten Liebe.
In dieser Hand bist du geborgen.

Hanna Hümmer (aus: Lese und ganz nah. Christusbruderschaft Selbitz, S. 66)


erschienen in: Christsein Heute, 4/2022

 

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