Mir ist das Büchlein „Unverfügbarkeit“ von Hartmut Rosa in die Hände gefallen. Eines, was der bekannte Soziologe in unserer Gesellschaft beobachtet, ist abnehmendes Vermögen zuzuhören.
In unserem Reden zeigt sich deutlich, wie viel wir gedanklich festgelegt, festgeschrieben, eingeordnet haben. Wir haben viele feste Meinungen und Vorstellungen. Dabei verlieren wir das Wundern im Leben, die Offenheit für Resonanzerfahrungen.
Rosa beschreibt dies u.a. durch einen Begriff von Adorno: Identifizierendes Denken. „Als identifizierendes Denken lässt sich die Vorstellung verstehen, man habe eine Sache – ein Ding, ein Ereignis, einen Prozess – ihrem Wesen nach erfasst und damit geistig verfügbar gemacht, wenn man sie auf den Begriff gebracht hat. Dabei übersieht man aber, dass immer ein Riss, ein Spalt zur Welt bzw. zu dem anderen, das man zu erfassen versucht, bestehen bleibt, und dass gerade und nur in diesem Riss, in dem, was unverfügbar bleibt, was sich entzieht, wirkliche Erfahrung und Lebendigkeit aufscheinen kann.“*
Es scheint, dass auch Rainer Maria Rilke dies beobachtet hat.
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir all die Dinge um.“²
Ich möchte mich üben und bitte Gott um Hilfe, damit mir das „Zuhören“ für das Geheimnis der Dinge – für die Melodie von Gottes Immanenz in allen Dingen – bewahrt bleibt. Und dass ich in meinem Denken und Reden nicht viel-wissend sondern demütig bleibe. Dieses Hören scheint mir eine Gabe zu sein, die wir in unseren Gemeinschaften durchaus praktizieren und kultivieren und als Salz und Licht in unsere Gesellschaft einbringen.
Focusing ist eine Praxis, die mein inneres Hörvermögen kultiviert.
Focusing bildet meinen Resonanzkörper aus.
*(*Rosa, Unverfügbarkeit, Suhrkamp, S. 111)
²(Rainer Maria Rilke,“Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ in:Sämtliche Werke, Bd.1, Gedichte, Erster Teil, Frankfurt/M. 1955, S. 194f.)
