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Ansehen

In einer Ausbildungsgruppe habe ich kürzlich eine Übung mitgemacht, in der sich zwei Personen gegenüberstanden und eine Person hat bei der anderen eine Weile lang eine Körperstelle angesehen. Dann wurde eine weitere Stelle gewählt und noch eine dritte. Die angesehene Person hat nichts weiter gemacht, als in diesem Blick zu bleiben. Danach wurden die Rollen gewechselt.

Der Austausch offenbarte anschließend, was für unterschiedliche Empfindungen die Übung hervorgerufen hat. Einige fühlten sich geehrt, wertgeschätzt und liebevoll angesehen. Andere konnten dem Blick kaum standhalten, fühlten Scham oder sich unangenehm berührt.

Was geschieht bei einer solchen Begegnung? Richard Rohr drückt es so aus:

Das Geheimnis der Gegenwart ist die Begegnung, in welcher die Selbstoffenbarung des einen Menschen im anderen ein tiefes Leben weckt. (…) Das geschieht nicht im Kopf, sondern bedeutet, das Sein zu übertragen, zu teilen, weiterzugeben. Es wird als Gnade erfahren, als Geschenk, als inneres Gegründetsein.

Richard Rohr: Ins Herz geschrieben. 2014, S. 98

Selbstoffenbarung auf der einen Seite und mit einem Du wird es mit der anderen Seite zur Begegnung auf einer tieferen Ebene. So wie Gendlin es ausdrückt: Sobald ein Du im Raum ist, bin ich ein anderes Ich.

„Nur ein Blick aus deinen Augen, nur ein Wort aus deinem Mund, und die Heilungsströme fließen, meine Seele wird gesund.“, heißt es in einem geistlichen Lied. Was bedeutet es für mich, dass Jesus mich ansieht? Wie bemerke ich das? Wie ist es „Ansehen“ bei Gott zu haben? Fühle ich mich ertappt, beobachtet, erwischt und wende den Blick erschreckt ab? Oder spüre ich die bedinungslose Liebe, die in Jesu Blick liegt? Kann ich sie annehmen und aushalten?

Wer sich von dem Einen, der alles weiß und alles empfängt, vollkommen empfangen, ganz und gar anblicken lässt, ist unzerstörbar.

ebd., S. 99

Gottes Blick geht noch viel tiefer. Durch alles hindurch, das oft meinen eigenen Blick auf mich selbst verstellt, sieht Gott mich ganz und gar an. Ohne mich bloß zu stellen. So wie den jungen Mann, dem Jesus auf seinem Weg begegnet ist:

Und er sah ihn an und gewann ihn lieb.

Markus 10,21

Wir haben so lange kein wahres Sein, „bis wir ein Gesicht haben“, um den Anderen aufzunehmen, um unser Selbst anzubieten und weiterzugeben. Darin erfahren wir Tiefe, Akzeptanz, Vergebung dessen, wer wir sind. (…) Von Gott her ist dieses Geschenk uneingeschränkt, ein für alle Mal; Gottes Gesicht ist uns absolut zugewandt.

Richard Rohr: Ins Herz geschrieben. 2014, S. 102 und 104

Wie ist es, dem körperlich nachzuspüren, dass Gott mich ansieht und mir Ansehen verleiht?

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