Zum Inhalt springen

„Die Dinge singen hör ich so gern“

„Im Anfang war das Wort“ so beginnt das Johannesevangelium. Die Bibel als „Wort Gottes“ ist Grund christlicher Verkündigung. Doch gibt es in der Bibel auch das Wissen um die Grenzen der Sprache: Wenn das Bilderverbot vor einer definitorischen Festlegung Gottes warnt und die Bibel sich stattdessen in immer neuen einander ergänzenden Bildern Gott annähert. Oder wenn Jesus immer wieder gleichnishaft formuliert: „Das Himmelreich ist wie…“

In den vergangenen Monaten begegnete mir immer wieder das Gedicht Rainer Maria Rilkes in dem er die Warnung vor Eindeutigkeit und Festlegung auf die Sprache als solche bezieht:

 „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. 
Sie sprechen alles so deutlich aus: 
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“

„Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.“

„Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm. 
Ihr bringt mir alle die Dinge um.“

Gerade die „Deutlichkeit“, die sich die „exakte „Wissenschaft“ zum Ziel gesetzt hat, wird ihm zum Problem, wenn sie den Anspruch erhebt „grade an Gott“ zu grenzen, also die Wahrheit erkennen und formulieren zu können. Er warnt vor der Begrenzung menschlicher Freiheit und der Offenheit für das Neue: „Sie wissen alles, was ist und was wird.“ Und dadurch geht das Wunderbare, geht die Bedeutung der Dinge verloren, das was sie von sich aus zu sagen haben: „Sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle Dinge um.“

Nur ein Vers weist einen Weg aus der Sprachkrise: „Die Dinge singen hör ich so gern.“

Dieser Vers zeigt mir keine neue „Methode“, sondern weist mich auf eine andere Haltung, Dingen und vor allem Menschen gegenüber: Ihrem „Singen“ zuzuhören, also nicht nur die exakte Bedeutung der Worte zu hören, sondern etwa auch ihren Klang und die Situation in der sie gesprochen werden.

Im Focusing geschieht das immer wieder, wenn es gelingt, „ganz Ohr zu sein“, ganz bei sich oder dem Andern zu sein, das Singen und Klagen zu hören. Oft zeigt sich das Wesentliche gerade dann, wenn die Sprache an ihre Grenze kommt.

Rilkes Zeitgenosse Hugo von Hofmannsthal beschreibt die Haltung in seinem „Chandos-Brief“ als „Denken des Herzens“:

„Es ist mir dann, als bestünde mein Körper aus lauter Chiffern, die mir alles aufschließen. Oder als könnten wir in ein neues ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken. Fällt aber diese sonderbare Bezauberung von mir ab, so weiß ich nichts darüber auszusagen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.