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Verzicht, Neid und Segnen – Die Kraft des absichtslosen Schauens beim Focusing

Letztes Jahr bin ich 60 Jahre alt geworden, seitdem spüre ich, mit diesem neuen Lebensjahrzehnt verschiebt sich etwas in mir: meine innere Blickrichtung wendet sich Stück für Stück in Richtung ‚Verzicht und Loslassen‘. Nach den Jahrzehnten des Aufblühens, des Wachstums – ich mit mir selber, familiär und beruflich – nun also diese Kategorien. Noch kann ich es nicht ganz glauben, dass es auch bei mir schon so weit ist. Aber auch um mich herum ist dieses Thema präsent, unsere Erde, deren jährliche Ressourcen bereits in der Mitte jeden Jahres aufgebraucht sind, und uns Menschen immer deutlicher wird, dass Verzicht und Loslassen wichtige neue und not-wendende Bereiche sind.

Wie war das im Buch Kohelet aus dem Alten Testament: „Jedes Ding hat seine Zeit“. Und indem ich mich in meinem Alltag ganz konkret, Stück für Stück dem ‚Verzichten und Loslassen‘ öffne, begegne ich auf diesem Weg einem Gefühl, das ich bisher fast gar nicht kannte, dem Neid. Bisher war ich immer nur froh über das, was in meinem Leben aufblühte, trotz dem auch Schweren der ersten Lebensjahrzehnte. Nun also Neid. Durch Focusing geübt erschrecke ich nicht, gehe nicht in Abwehr, sondern öffne mich ihm, er darf sein mit all seinen Spitzen, scharfen Kanten und Zähnen. Ich nehme ihn wahr als interessierte Forscherin meines Lebens, absichtslos, so fühlt er sich also an.

Gottseidank ist mein Neid erstmal nur in meinem Inneren, denn ich spüre auch sein Beziehungen-zersetzendes Gift, sein inneres Wüten auf mein Leben hin und die Person, auf die ich neidisch bin. Während ich mit dem Neid so verweile, erinnere ich mich auf einmal an eine Handlungsmöglichkeit, mit der ich schon gute Erfahrungen gemacht habe: „wenn du mit jemand Mühe hast, segne ihn/sie“. Es entsteht in mir ein Impuls, das hier ebenfalls zu tun. Zuerst kommt mir dies paradox vor, denn ich bin doch hier diejenige, die nichts hat und die Person, auf die ich neidisch bin, hat alles. Dann bräuchte sie doch nicht noch den Segen, wenn dann eher ich, die verzichtet und losgelassen hat. Doch ich lasse mich trotz dieser Gedanken darauf ein und segne die Person innerlich, es dauert etwas, bis ich es statt widerwillig ehrlich tun kann. Und auf einmal öffnet sich in mir ein Raum und ich erlebe mich angeschlossen an Gottes Fülle, ich nehme wahr, wie reich beschenkt ich bin in meinem Leben. Ich kann ein „Genug“ in meinem Inneren spüren und Dankbarkeit breitet sich aus; loslassen ist wieder leichteren Herzens möglich.

Verzicht, Loslassen und Gottes Fülle gehören zusammen, so paradox es auch im ersten Moment erscheinen mag und das absichtslose Schauen im Focusing kann diesen Raum der Gnade mit öffnen.

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