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Mehr als

Was ist der Mensch?
Dazu habe ich vor Kurzem eine Predigt gehört. Der Mensch ist wunderbar geschaffen, ein Kunstwerk, einzigartig, fähig das Leben zu gestalten, Schönes und Kreatives zu schaffen. Ja, ein Wunder. Nach der Bibel als Gottes Ebenbild geschaffen, nur „wenig niedriger als Gott gemacht“, heißt es in Psalm 8. Das ist der Mensch. Und mehr als das.

Wir sehen es jeden Tag und spüren es selbst: Der Mensch ist auch zerbrechlich, verwundbar, verletzlich. Sowohl der Körper als auch die Seele sind fragil – kein Mensch ist unverletzt, drückt es Christina Brudereck aus. Und es ist der Mensch selbst, ich und du, der dazu fähig ist, zu verletzen, Leid zuzufügen, zu zerstören, abzuwerten, Grenzen zu überschreiten. Und mehr als das.

Im Focusing wende ich mich dem allen in mir zu. Ich kann fragen, was in meinem Körper geschieht, wenn all das gelöst wäre, all die Bindungen, Prägungen, Verletzungen – ich weiß nicht wie, sondern überlasse mich dem körperlichen Geschehen. Ich bin mehr als das. Der Raum wird größer und größer. Und immer noch bin ich mehr als das. Mehr als das, was ich wahrnehme, mehr als mein Körper, mehr als meine Gedanken und Gefühle. Ich bin verbunden mit einem größeren Raum.

Wer ist Gott?
Auf diese Frage suchen Menschen seit Menschengedenken Antworten. In den religiösen Schriften haben Menschen aufgeschrieben, wie sie Gott erlebt haben und ihm Namen gegeben. Die Bibel kennt viele Gottesnamen, im Islam sind es sogar 1000. Was überliefert ist, ist die Aufforderung, sich kein Bild zu machen. Gott entzieht sich den Festlegungen, ist mehr als das. Sobald jemand behauptet, zu wissen, wer Gott ist, sollte ich skeptisch werden. Kann ich nicht nur sagen, wer Gott für mich ist? Und das auch nur mit meinem begrenzten Erleben, in meiner momentanen Situation, mit meinem engen Verständnis, das geprägt ist durch mein kulturelles Umfeld, meine Erziehung und Sozialisation. Und Gott ist immer mehr als das.

In den letzten beiden Focusing-Journalen findet sich ein Interview mit Gene Gendlin, dem Begründer von Focusing, über sein Jüdisch-Sein. Geboren in Wien als Kind jüdischer Eltern ist er mit ihnen unter dramatischen Umständen in den 1930ern in die USA geflohlen. Er sucht nach Worten, als er nach Gott und seinem Erleben gefragt wird. Gott ist einerseits in dem Impliziten, aber auch unverfügbar. Er ist mit der Gemeinschaft religiöser Kulturen verbunden, und mehr als das. „Ich denke nicht, dass Gott jüdisch ist“, drückt es Gendlin vorsichtig aus (Heft 44, S. 14) .  Er ist mehr als das, gleichzeitig verbunden und nicht festzulegen. Und die Beziehung zu diesem „Größeren“ hängt nicht vom einzelnen, nicht von der Gemeinschaft ab. Es ist mehr als das: „Es ist alles vor der Bedeutung, dass es an uns liegt, geschützt“ (S. 15).

Mehr als – wie spürt sich das an?

 

 

 

Foto by Christiane Henkel

 

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