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Gendlin und die Katze

Was sagt Eugene Gendlin, der Entdecker von Focusing, eigentlich selbst zur Verbindung von Focusing und Spiritualität? Um die Frage zu bearbeiten, bin ich noch mal eingetaucht in die Artikel, die mir dazu zur Verfügung stehen (s. Literaturangaben am Ende), und in mein eigenes Erleben dazu – eine Einladung damit in die eigene Resonanz zu gehen. Für weitere Vertiefung ist auf der Seite des TIFI, des internationalen Focusing Instituts, eine Sammlung von Beiträgen zu Focusing und Spiritualität zu finden. 

 Das Nicht-Wissen in den Begriffen

Das erste, was ich von Gendlin zum Thema „Spiritualität“ gelesen habe, steht in dem Buch „Focusing und Philosophie“*. Diese Sammlung von Gesprächen mit Gendlin zu verschiedenen Themen enthält auch eine Passage mit der Überschrift: „Über das Universum und andere ‚große Worte'“. Aus diesem Abschnitt habe ich die Überschrift für diesen Beitrag abgeleitet, weil Gendlin einen Vergleich mit seiner Katze zieht. Daher ist die Überschrift für mich so eine Art Chiffre für Gendlins Verhältnis zur Spiritualität geworden. 

Menschen haben in der Sprache verschiedene Begriffe gefunden für das Große oder Ganze oder das Woher alles kommt – diese allgemeinen Begriffe verwendet Gendlin, weil das Wort, die Bezeichnung davon ihm unwichtig ist. Er spricht von der Begrenztheit unseres Wissens über dieses Ganze – auch diese Begriffe sind wie Platzhalter, um überhaupt etwas sagen zu können, denn „Wenn ich mir aber bewusst bin, dass die Begriffe und Konzepte das Ganze niemals umfassen können, sind alle Konzepte, das ganze alte Vokabular und die alten Traditionen wieder gut und brauchbar“ (S. 56). Keines dieser Konzepte oder Begriffe ist richtig, aber sie alle enthalten etwas, was darüber hinausgeht, womit ich mich verbinden kann – vielleicht kann ich hier ergänzen: Was ich im Erleben habe. Das Erleben ist den Konzepten und Begriffen vorgeschaltet – das ist ja der Kern von Focusing ohnehin. Das gilt genauso für das spirituelle Erleben. „Das Wort ‚Gott‘ mag schon ganz gut sein, denn es sagt: die große Sache, die wir nicht verstehen und die immer da ist – wie immer man das nennen soll. ‚Wie immer man das nennen soll‘ ist mir ganz angenehm als Name“ (S. 55).

In der folgenden Passage in dem Buch zitiert Gendlin ein Wort von Meister Eckhart, einem Mystiker aus dem Spätmittelalter, dessen kleines Weisheitsbüchlein „Ewige Geburt“ in Griffnähe von Gendlins Sessel gelegen haben soll: „Gott ist dir näher als du dir selbst“ (S. 57). Sein eigenes Erleben schildert er dann mit zwei Anteilen: einer, der da oben ist, und einer, der da unten ist, den er immer wieder ausgraben muss. Wenn beide verbunden sind, dann sei er ok. Meister Eckharts Worte versteht er dann so, dass er von einem spricht, der dem da unten ohnehin nahe ist. In dieser Passage deutet Gendlin das Wort Gott, das für ihn nur ein Wort ist, mit der Bedeutung: „Ich weiß ja nicht, wovon ich lebe. Es lebt mich“ (S. 57). Dieses „Es“ ist eine Formulierung, die bei Gendlin öfter auftaucht und für mich auch eine Chiffre für dieses Unsagbare, das Mehr ist, als wir schon ausdrücken können. Und gleichzeitig steckt darin auch etwas, das über mich hinausweist, etwas, für das in den verschiedenen Konzepten und Traditionen unterschiedliche Begriffe gefunden und genutzt werden wie z.B. Gott. Der Streit darüber, welche Religion recht hat, ob sie alle eins sind, der gleichen Quelle entspringen und andere Versuche, „es“ dingfest zu machen, findet auf der Ebene der Konzepte statt und ist trennend. Das Erleben darunter ist aber verbindend.  

Interviews über das Jüdisch-Sein

Neugierig habe ich weiter zwei Interviews mit Gendlin über sein Jüdisch-Sein gelesen, die Ruth Rosenblum und Lynn Preston ein Jahr vor Gendlins Tod mit ihm geführt haben.*  Weil die Familie von Gendlin jüdisch war, musste sie 1938 aus Österreich fliehen. Im ersten Teil des Interviews schildert Gendlin diese dramatische Situation, die sehr knapp und gefährlich war, bevor die Ausreise in die USA gelungen ist, wo er am 11. Januar 1939 angekommen ist (S. 7-9). Er berichtet von seinem Alltag mit jüdischen Ritualen und Festen, die in seiner Familie so mitliefen, aber eher nicht sehr streng gelebt wurden. Nach der Verbindung vom Impliziten zu Gott gefragt, antwortet er: „Für mich ist das Implizite das, wodurch die Dinge bedeutsam werden und wodurch wir fähig werden, überhaupt etwas zu sagen. So gesehen wäre es natürlich Gott. Aber dann wiederum, weil das Implizite eben nicht nur in voneinander getrennten Einheiten gegeben ist, ergibt es nicht automatisch Gott. (…) Das Implizite ermöglicht es, dass es sich beim Implizieren um Gott handelt, aber es muss nicht notwendigerweise so sein“ (S. 11). Hier zeigt sich wieder die Begrenzung, die durch eine sprachliche Festlegung geschieht. Gendlin möchte aber über „lebendige Dinge schreiben“ (S. 12), so dass im Interview die schöne Idee entsteht, Gott als Verb auszudrücken (englisch: God-ing). Die Bilder, die Menschen sich von Gott oder dem Göttlichen machen, begrenzen es gleichzeitig. Diese Erkenntnis ist im Judentum und anderen Weisheitstraditionen auch enthalten. Der Gottesname wird im Jüdischen nicht ausgesprochen, es ist das Tetragramm JHWH, das übersetzt werden kann mit „Ich bin, der ich bin, der ich war, der ich sein werde – und das alles im selben Moment“ (die Interviewerin Ruth Rosenblum zitiert für die Übersetzung Reb Zalman, den Begründer der jüdischen Erneuerungsbewegung, S. 12). Diese Bezeichnung oder Umschreibung ist nicht so weit weg von dem „Gott ist ein Verb“.  – By the Way: Reb Zalman war langjähriger Focusing-Partner von Gendlin.

Der letzte Teil des Artikels stammt aus einem weiteren Telefonat Gendlins mit den beiden Interviewerinnen zu dem Thema. Mich bewegt es zu lesen, was ihm zu sagen noch wichtig ist. Es entsteht der Satz: „Ich denke nicht, dass Gott jüdisch ist“ (S. 14). Wie er es weiter ausführt, verstehe ich so, dass er damit ausdrückt, dass Gott nicht nur mit einer Gemeinschaft, Kultur oder Gruppe verbunden ist. Und gleichzeitig gibt es durch die Verbindung mit Gott so eine Gemeinschaft, die Feiertage und Rituale, die sich entwickelt haben. Er formuliert weiter sehr vorsichtig: „Und dann möchte ich sagen, dass es nicht falsch ist – und das ist ziemlich vorsichtig oder bescheiden – Gott mit irgendetwas zu verbinden. Es ist ganz in Ordnung nicht zu wissen, wie man etwas sagen soll. Wenn ich sage, es ist in Ordnung, Gott mit irgendetwas zu verbinden, dann wird es funktionieren“ (S. 14). Und ganz am Schluss scheint etwas von dem Ringen durch, das ihn begleitet hat, dahin zu kommen, denn er leitet seine Gedanken damit ein, dass es ziemlich unheimlich ist, über Gott sprechen zu wollen. Beruhigt hat ihn dann, dass „die große Sache“, nicht von ihm abhängt (S. 15): „Ich wusste, dass ich all das nicht benennen kann, was da daran beteiligt ist und wie es dadurch gelöst wird. Aber ich war dankbar, dass es gelöst ist und dass ich immer noch da bin. Ich bin immer noch da, also kann nicht alles vom Einzelnen abhängen. Es ist eben eine Beziehung“ (S. 15).  

Die Katze

Was hat es nun mit der Katze auf sich? Gendlin berichtet in dem Absatz „über das Universum und andere große Worte“ (S. 56) von einer „ganzen Theologie“ über seine Katze.  Sie leistet ihm Gesellschaft, folgt ihm und reinigt Gendlins „Fell“ mit ihrer Zunge – wohlwissend, dass Gendlin kein Fell hat. Sie sind beide durch ihr Verhalten verbunden. Vieles weiß die Katze nicht. Genauso wie wir vieles nicht wissen – es lässt sich nicht über das Universum sprechen, denn „dort bleibt es ohne Worte“. Das Nicht-Wissen liegt also in den Worten, in den Begriffen und Konzepten, nicht in dem, „was ich ohne Konzepte weiß oder bin“ (S. 56).

 

Nachklang

Es ist nicht verwunderlich, dass Gendlin zu dem Inhalt (von Religion oder Spiritualität) nichts sagt. Wie immer ist er an den Prozessen und an dem Erleben dazu interessiert. Im Erleben treffen wir uns meiner Erfahrung nach, egal, welche religiöse oder spirituelle Heimatverortung Menschen haben. Gleichzeitig erlebe ich auch im Focusing-Kontext Abwehr, Skepsis und strukturgebundene Reaktionen auf – bestimmte Formen oder Richtungen? – von Spiritualität, wenn die Sprache, die Tradition oder Konzepte dazwischen stehen. Nach Focusingart muss sich Religion die Frage gefallen lassen, ob sie die Qualität von Wachstum unterstützt und fördert, wie es Angelo Lottaz in einem Artikel über Carl Rogers und seine Spiritualität beschreibt.*  Das Transzendente und die menschliche Sehnsucht danach komplett auszuklammern, scheint mir auch nicht die Lösung zu sein. Uns gemeinsam auf den Weg zu machen, „Spiritualität, Focusing und die Wahrheit jenseits von Konzepten„* zu finden, empfinde ich als einen Weg, der mich lockt und den ich gerne mit anderen gemeinsam erkunden möchte.  

 

* Literaturangaben

  • Wiltschko, Johannes (Hrsg.) (2008): Focusing und Philosophie. Eugene T. Gendlin über die Praxis körperbezogenen Philosophierens. Wien: Facultas.wuv.
  • Interview mit Gene Gendlin über sein Jüdisch-Sein. Interview: Ruth Rosenblum und Lynn Preston. Teil 1. In: Focusing Journal Heft 43/2019, S. 6-11. Teil 2. In: Focusing-Journal 44/2019, S. 11-15Focusing-Journal 44/2019, S. 11-15.
  • Lottaz, Angelo (2013): Carl R. Rogers: Auf dem Weg zu einer Spiritualität für die säkulare Welt? In: PERSON 2013, Vol. 17, No. 2, S. 89-99. 
  • Purton, Campbell (2013): Spiritualität, Focusing und die Wahrheit jenseits von Konzepten. In: PERSON 2013, Vol. 17, No 2, S. 122-129.

 

 

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